Elisabeth, wir kennen Dich als Künstlerin, die innovative Formate entwickelt und deren Kreativität auch in den komplexesten Situationen neue Impulse setzt. Erinnern wir uns z.B. an das Format Invisible Dances, das eine choreographische Antwort auf die Restriktionen für Kunstschaffende während der Corona Pandemie war und mit dem Du über die Distanzen hinweg Menschen zum Tanzen gebracht hast. Was hat Dich dazu bewogen Mat Iech ins Leben zu rufen und welchen Stellenwert hat diese Sparte innerhalb der Company?
Die Werte und die Philosophie, auf denen „Mat Iech“ basiert, habe ich schon lange versucht, in meine künstlerische Arbeit zu integrieren. Es war mir immer wichtig, nah am Publikum zu sein. Mit „Mat Iech“ haben wir diesen Ansatz weiterentwickelt – indem wir bewusst zu den Menschen gehen, die – aus medizinischen, geographischen oder finanziellen Gründen – nicht bzw. nicht mehr ins Theater kommen können.
Es ist mir ein zentrales Anliegen diesen Menschen zu zeigen, dass sie für uns als Künstler*innen bedeutend sind, dass wir sie nicht vergessen, dass auch sie Kultur erleben dürfen – und hoffentlich daraus Freude, Inspiration und Verbundenheit mitnehmen können.
„Mat Iech“ ist aus dieser Haltung hervorgegangen und wächst aus ihr kontinuierlich weiter. Ich bin sehr dankbar, dass sich das Programm dank der Förderung, der Unterstützung und des Vertrauens der Fondation Sommer sowie unserer weiteren Förderpartnern so weiterentwickeln konnte. Solche Formate waren in Luxemburg zuvor nicht stark etabliert, doch wir haben überraschend schnell viel Rückhalt erfahren. Innerhalb der Company ist der Stellenwert von „Mat Iech“ stetig gestiegen. Wie in vielen kulturellen Institutionen waren die personellen Kapazitäten jedoch lange begrenzt, sodass ich das Programm zunächst parallel zu meinen künstlerischen Aufgaben organisiert habe. Mit der Beauftragung von Clara Berrod als „Mat Iech“ -Managerin auf freischaffender Basis konnten erstmals tragfähige Strukturen etabliert und eine nachhaltige strategische Ausrichtung entwickelt werden. Heute sind wir dadurch in der Lage, das Profil von „Mat Iech“ klarer zu definieren: seinen inhaltlichen Kern zu schärfen, die zugrunde liegende Vision zu formulieren und das Programm langfristig weiterzuentwickeln – im Sinne der Tänzer*innen ebenso wie der kooperierenden Institutionen und der Menschen, mit denen wir arbeiten. Mat Iech hat inzwischen einen sehr hohen Stellenwert in unserer Company. Ich glaube auch, dass unsere Künstler*innen diese Arbeit sehr schätzen, weil es eine ganz andere Erfahrung ist, an solche Orte zu gehen und für diese Menschen zu tanzen, als auf den großen Bühnen des Landes aufzutreten.
Im Rahmen der dreijährigen Förderperiode von „Mat Iech“ hat die Making Dances Company im Herbst letzten Jahres eine erste Tournee zu verschiedenen Einrichtungen, absolviert, u.a. die Maison Saint Martin/Fondation de la Porte Ouverte, Fondation Kannerschlass und der Service pédopsychiatrie des Centre hospitalier de Luxembourg. Vier weitere Tourneen, die weiteren Personen Deine Stücke „Sensorial Symphonies“ und „Florescence in Decay“ näherbringen werden, stehen bis Ende 2027 noch an. Was nimmst du als Choreographin und künstlerische Leiterin für Deine Kunst aus den Begegnungen, die durch „Mat Iech“ entstehen, mit?
Auf der einen Seite bin ich geprägt von künstlerischer Arbeit und philosophischer Recherche. Doch realistisch betrachtet besteht ein großer Teil meines Alltags aus Finanzierungssuche, Management des Teams und all dem, was organisatorisch dazugehört. Gerade deshalb sind die Begegnungen mit den Menschen im Rahmen von Mat Iech für mich so wertvoll. Als Künstlerin bewegt man sich schnell in einer gewissen Bubble im eigenen Kosmos aus Proben, Produktionen, Team, Visionen. Vieles dreht sich um die Company und die Strukturen, die sie tragen.Mit „Mat Iech“ gehen wir bewusst hinaus. Wir verlassen diesen geschützten Raum und begegnen Menschen direkt – ohne Distanz, ohne große Bühne. Wir erleben unmittelbar, wie unsere künstlerische Arbeit auf sie trifft, wie sie etwas auslöst, wie sie berührt oder verändert. Diese Unmittelbarkeit ist ein Geschenk. Ich merke, wie oft ich innerlich zu diesen Momenten zurückkehre. Wie ich an einzelne Begegnungen denke. Wie ich mich frage, wie es diesen Menschen heute geht. Und ich sehe auch, wie sehr solche Erfahrungen meine Tänzer*innen prägen. Auf menschlicher Ebene ist diese Arbeit eine enorme Bereicherung und eine Qualität von Begegnung, die in meinem sonst sehr strukturierten, oft administrativ geprägten Alltag nur selten Raum findet.
Welche Rückmeldungen erhältst Du vom Publikum von „Mat Iech“ zu diesem Format?
Die Rückmeldungen auf Mat Iech sind durchweg sehr berührend und wertschätzend. Immer wieder wird betont, wie sehr sich die Menschen gesehen und ernst genommen fühlen – nicht nur als Publikum, sondern als aktive Teilnehmende einer gemeinsamen Erfahrung. So beschreibt etwa die Fondation Kraizberg die Aufführung als „herzergreifend und rundum gelungen“ und hebt besonders den Austausch auf Augenhöhe hervor, der als Zeichen besonderer Wertschätzung wahrgenommen wurde: „Für uns war es eine sehr positive, bereichernde und unvergessliche Erfahrung.“ Auch im therapeutischen Kontext, wie bei der Fondation Kannerschlass, wird geschätzt, wie sensibel und flexibel die Tänzer*innen auf die Wünsche und Bedürfnisse der Kinder eingehen – viele der Kinder beschrieben den Auftritt schlicht als „cool“, was für uns eine ebenso wertvolle Rückmeldung ist. In Senioreneinrichtungen wie der Fondation J.-P. Pescatore wird vor allem betont, wie sehr die Bewohner*innen die Aufführung genossen haben. Was sich durch all diese Stimmen zieht, ist das Gefühl von Resonanz: „Mat Iech“ schafft Momente der Begegnung, in denen Menschen sich angesprochen, eingebunden und bereichert fühlen – unabhängig von Alter, Lebenssituation oder Kontext. Genau darin liegt der Kern dieses Formats. Diese Rückmeldungen berühren uns als Team sehr und bestärken uns in unserer Arbeit.
Mit der Förderung von „Mat Iech „als „Programm“ wollten wir nicht nur ein konkretes künstlerisches Projekt unterstützen, sondern auch die Organisation, welche dieses trägt, stärken – zum Beispiel indem wir Strukturkosten übernehmen und eine längerfristige Unterstützung anvisieren. Eine Programm-Förderung ist immer individuell und angepasst auf die Bedarfe des jeweiligen Partners. Sie bedarf eines echten Vertrauens in die Trägerorganisation, sowie Transparenz und Flexibilität. Welche Erwartungen hast Du als Projektträgerin spezifisch an uns – oder auch andere potenzielle Förderer – im Rahmen einer solchen Förderung?
Was ich an der Zusammenarbeit mit der Fondation Sommer besonders schätze, ist, dass ihr euch wirklich Zeit nehmt, zu verstehen, was das Programm ist und was es werden kann. Ihr ladet uns ein, größer zu denken. Ihr ermutigt uns, Visionen zu formulieren, die wir uns innerhalb unserer eigenen, oft sehr projektgetriebenen Strukturen vielleicht gar nicht zutrauen würden. Das gibt Kraft und Mut; es eröffnet einen Raum für Entwicklung. Unsere Company hat über viele Jahre stark projektbezogen gearbeitet. Das bedeutete, immer wieder neu anzusetzen, Mittel zu akquirieren, kurzfristig zu planen und mit Unsicherheiten zu leben. Um echte Kontinuität und gesellschaftlichen Impakt zu ermöglichen, braucht es Stabilität als strukturelle Grundlage. Stabilität schafft Qualität und Konsistenz. Genau das braucht ein Programm wie Mat Iech, um sich mit und für die Menschen wirklich entfalten zu können; nicht nur punktuell zu berühren, sondern nachhaltig zu wirken. Was diese Zusammenarbeit für mich so besonders macht, ist die Haltung dahinter: sich Zeit nehmen, zuhören, gemeinsam reflektieren, gemeinsam über Herausforderungen sprechen, gemeinsam Lösungen entwickeln. Ihr fördert uns nicht nur, sondern tragt Mat Iech wirklich mit. Oft fühlt man sich als freie Company klein – als würde man unerlässlich an Türen klopfen und um Unterstützung bitten. In unserer Zusammenarbeit ist das anders. Wir begegnen uns auf Augenhöhe. Ihr seht das Potential, ihr erkennt die Professionalität und den Willen, mit dem wir arbeiten – und ihr zieht mit uns am selben Strang. Diese Kombination aus Ermutigung, strategischem Austausch und struktureller Stabilisierung ist für unsere derzeitige Position als Company absolut zentral. Es geht nicht um kurzfristige Projekte, sondern es geht darum, etwas aufzubauen, das langfristigen Bestand und Wirkung hat. Dies ist ein echtes Geschenk und eine Form der Zusammenarbeit, welche ich mit Förderern relativ selten erlebe.